Interview mit

Charlotte Knobloch

für die Zeitschrift

»Bei uns in Bayern«

Interview mit Charlotte Knobloch

für die Zeitschrift »Bei uns in Bayern«

Für uns russischsprachige Gemeindemitglieder, die wir in einem totalitären System gelebt haben und wo wir oft für Listen abstimmen mussten, hat die Listenwahl eine negative Konnotation. Wie ist es dazu gekommen, dass uns bei diesen Wahlen zwei Listen zur Wahl stehen?

Charlotte Knobloch: Die anstehenden Wahlen sind keine Listenwahlen. Listenwahlen sind Wahlen, bei denen der Wähler nur die Wahl zwischen zwei oder mehreren Kandidaten-Listen hat. Der Wähler kann also nur die eine oder die andere vorgegebene Liste von Kandidaten wählen. Davon unterscheidet sich die anstehende Vorstandswahl ganz grundlegend: Wie bisher hat jedes Gemeindemitglied die Möglichkeit insgesamt 15 Stimmen zu vergeben. Jeder kann mit seinen 15 Stimmen jeden wählen, der auf dem Wahlzettel steht. Ganz egal ob es sich um ein Mitglied oder um mehrere Mitglieder des Teams Knobloch oder einer anderen Gruppe handelt. Neu ist lediglich, dass sich einzelne Persönlichkeiten durch ihre Mitgliedschaft in einem Team oder in einer Gruppe zur Wahl vorstellen. Allein der Wähler entscheidet aber, wen er wählen will, völlig unabhängig davon, welchem Team oder welcher Gruppe der Kandidat angehört.

Ganz unabhängig davon: Konnotationen zu totalitären Systemen sind mir fremd und unerwünscht. Ich habe stets mit all meiner Kraft gegen solche Systeme gekämpft. Ich habe stets vorgelebt, dass ich ein zutiefst freiheitsliebender und demokratisch geprägter Mensch bin. Mein Vater hat an der bayerischen Verfassung mitgearbeitet, er verstand sich als Anwalt für Freiheit und Gerechtigkeit. Er lehrte mich, die Werte von Demokratie und Liberalität stets und uneingeschränkt zu praktizieren und leidenschaftlich zu verteidigen. Was ich jedoch über die Jahrzehnte im Vorstand der IKG und als Präsidentin unserer Gemeinde auch gelernt habe ist, wie wichtig es ist, dass der Vorstand, wenn es darauf ankommt, geschlossen und entschlossen entscheiden und agieren kann. Und im Moment sind wir in extremem Maß herausgefordert: Wir haben es mit einer ungeahnt rasanten und aggressiven Zunahme des Rechtsextremismus in ganz Europa und speziell hier in Deutschland zu tun. Erstmals seit 1945 ziehen Rechtsextreme – darunter auch Neonazis – in nennenswerter Größe auch in deutsche Landtage ein. Sie bringen Holocaustleugnung, judenfeindliche Ressentiments, Forderungen wie Judenzählungen oder das Verbot von Beschneidung und Schächten als Parolen und ernstgemeinte Anträge in die öffentliche Diskussion und den politischen Diskurs ein. Das ist eine reale Gefahr für das jüdische Leben in unserem Land. In den letzten Monaten ist zu beobachten, dass im Zuge der Flüchtlingskrise das rechtsextreme Lager bis weit in die Mitte der Gesellschaft reicht. Die rassistischen und völkisch-nationalistischen Thesen finden dort Anschluss, und auch der Antisemitismus. Denn wir spüren gleichzeitig deutlicher denn je, dass der alte Antisemitismus nie weg war. Er wurde in den Köpfen konserviert und bricht jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende ungehemmt und ungeniert hervor. Hinzu kommen neue antisemitische Phänomene, die sich auf Israel beziehen und die besonders im linken politischen Spektrum und in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sind. Und schließlich stellt der importierte Antisemitismus, der unter den hier lebenden Muslimen herrscht, und der durch die vielen Flüchtlinge, die zum Teil unkontrolliert und unregistriert in unser Land gekommen sind, eine konkrete Gefahr für jüdische Menschen und Einrichtungen dar, die immer öfter Ziele von verbalen und tätlichen Angriffen werden. Wir Juden werden im Verhältnis zu anderen Gruppen eine immer kleinere Minderheit. Es bedarf mehr Kraft und Beharrlichkeit, unsere Anliegen und Nöte in der Politik durchzusetzen. Wir müssen unbedingt den hohen Stellenwert, den wir uns erarbeitet haben, bewahren. Wir müssen eine gesellschaftliche Größe bleiben, an der man nicht vorbei-entscheiden und -regieren kann. Ansonsten gehen wir unter. Ich muss es so drastisch ausdrücken! Deswegen brauche ich einen starken Vorstand, der die Brisanz der aktuellen Situation erkennt und der in der Lage ist, in dieser Situation klug, ohne Eigeninteressen, im Sinne aller Mitglieder die Interessen der Gemeinde zu vertreten.

Sie selbst treten bei dieser Wahl als Mitglied und Leiterin eines Teams an. Warum? Haben Sie Selbstzweifel, alleine anzutreten?

CK: Ich habe keine Selbstzweifel. Mit Selbstzweifeln hätte ich nicht erreicht, was ich erreicht habe. Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Deswegen trete ich im Team an, mit der besten Mannschaft, die ich mir für unsere Gemeinde vorstellen kann. Ich habe die Mitglieder meines Teams allein nach der fachlichen Kompetenz dieser Persönlichkeiten ausgewählt. Es sind sehr erfahrene Fachleute auf allen Gebieten, die wir für die erfolgreiche Lösung der anstehenden Herausforderungen dringend benötigen. Es geht allein um Kompetenz, um Zuverlässigkeit und um Loyalität zu Ihnen, den Mitgliedern unserer Gemeinde. Es geht nicht um Selbstdarstellung. Das war niemals mein Weg. Das wird niemals mein Weg sein. Unsere Gemeinde steht vor enormen Herausforderungen. Wir brauchen ein neues Pflege- und Seniorenheim, betreutes Wohnen, eine besondere Fürsorge für Holocaustüberlebende und unsere vielen älteren Mitglieder, Veteranen, Urgroßmütter, Helden und Heldinnen, denen wir ein Alter in Würde und Liebe sichern müssen. Generell müssen wir die Sozialarbeit auf neue Beine stellen, die Arbeit der Ehrenamtlichen ausbauen und zugleich attraktiver machen. Beispielsweise wird uns künftig ein neuer Skoda Fabia Combi zur Verfügung stehen, Essen auf Rädern wird unser neues Konzept. Die ehrenamtliche Hilfe ist mir eine besondere Herzensangelegenheit. Gleichzeitig müssen wir die jüdische Jugend im Judentum und in der Gemeinde fest verwurzeln. Sie sind unsere Zukunft. Die Kinderkrippe haben wir eröffnet, jetzt geht das jüdische Gymnasium an den Start. Unsere Bildungs- und Erziehungseinrichtungen haben einen exzellenten Ruf, aber wir dürfen nicht nachlassen und müssen unsere Konzepte fortentwickeln. Dasselbe gilt für die Integrationsleistung, die unsere Gemeinde bereits in sehr hohem Maß erbracht hat und auch weiter erbringen wird. Mehr als alles andere wünsche ich mir, dass diese Gemeinde eine echte und liebevolle Heimat für alle jüdischen Menschen ist, die in München temporär oder auf Dauer leben. Egal wo unsere Wurzeln liegen! Heute sind wir alle Gemeindemitglieder, gleichberechtigt, auf Augenhöhe. Gegenseitiger Respekt vor der Lebensleistung des jeweils anderen ist mir besonders wichtig. Mein Herz weint, wenn mir Menschen berichten, sie fühlten sich diskriminiert, nicht anerkannt oder ausgeschlossen. Das ist inakzeptabel. Das lasse ich nicht zu. Wir sind Juden. Wir gehören zusammen. Wir sind eins – ein Bund. Damit diese Einstellung sich endlich bei allen durchsetzt, müssen wir noch mehr bei der Integration leisten. Ich möchte hier sehr eng mit den Gemeindemitgliedern und den entsprechenden Stellen zusammenarbeiten. Alle Strukturen kommen auf den Prüfstand. Das Erreichte muss analysiert, neue Ziele müssen definiert werden. Das ist eines meiner Großprojekte für die kommenden Jahre.

Des Weiteren betone ich immer wieder: Wir sind eine Religionsgemeinschaft, kein Unternehmen, kein Verein. Wir müssen unsere Religion, unseren Glauben und unsere Traditionen leben und mit Leben füllen. Der Kultusbereich ist die Seele und die geistige Mitte unserer Gemeinde. Wir sind mit unserem Rabbinat sehr gut aufgestellt. Aber wir brauchen volle Synagogen nicht nur an den Feiertage. Religion muss gelebt werden. Auch hieran will ich in Zusammenarbeit mit unseren hervorragenden Rabbinern und mit den Mitgliedern meines Teams weiter arbeiten.

Die Lobbyarbeit ist ein wesentlicher Punkt der Gemeindearbeit. Und genau das wird immer schwieriger. Es ist nicht leicht, Mitstreiter für die jüdischen Interessen zu finden. Am schwierigsten ist es, verlässliche Freunde für Israel zu finden. Antisemitismus und Israel-Bashing sind längst wieder salonfähig und unsere Gegner werden immer mehr, immer radikaler und immer gefährlicher. Gleichzeitig wächst die Geschichtsvergessenheit. Aus diesen Gründen ist der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus, gegen Israel-feindlichkeit und für eine nachhaltige Erinnerungskultur nach wie vor eine Triebfeder meiner Arbeit.

Das alles soll der neue Vorstand im Team Knobloch gemeinsam mit den Mitgliedern unserer Gemeinde in einem transparenten und interaktiven Prozess vorantreiben. Wir haben Großprojekte wie den Neubau des Seniorenheims und die Umgestaltung der Possart-Synagoge, die Eröffnung des jüdischen Gymnasiums und die Suche nach einem neuen Friedhofs-Areal. All dies sind Bereiche, die nur durch kompetente Fachleute vorangebracht werden können. Aber wir haben auch viele, viele kleine Projekte: Jedes einzelne Mitglied liegt mir am Herzen, jede einzelne Sorge, jeder einzelne Wunsch. Ich kann sie nicht alle erfüllen, aber ich will eine Präsidentin für alle sein. Diese Gemeinde ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Neben meiner Familie ist die Gemeinde mein Lebensinhalt. Ich habe mein Leben lang für uns gekämpft und ich will das auch weiterhin tun. Ich fühle mich stark genug, aber ich will keine  Kraft verschwenden. Wir haben heute mehr Gegenwind als früher und größere Herausforderungen. Um meine Ziele zu erreichen, muss ich wissen, dass hinter mir ein Team steht, dass diese Ziele voranbringt und mir den Rücken stärkt. Vor allem dann, wenn es darum geht, meinen engen Draht in Politik und Gesellschaft auszunutzen, weil wir städtische und staatliche Unterstützung oder Spendengelder benötigen. Hier denke ich speziell an unsere vielen Mitglieder, die in persönlichen Notlagen sind, und die dringend Unterstützung brauchen. Wir sind eine Solidargemeinschaft, Nächstenliebe und Wohlfahrt sind Standbeine unsere Religion. Helfen ist unsere heilige Pflicht. Aber wir brauchen als Gemeinde selbst Unterstützung und die bekommen wir nicht selbstverständlich. Wir leben in anderen Zeiten, das kann ich nur immer wieder betonen, und daher müssen wir uns anders aufstellen.

Wenn Sie drei Eigenschaften nennen müssten, nach denen Sie die Mitglieder für Ihr Team ausgesucht haben: Welche Eigenschaften sind dies? Steht nicht gerade Loyalität an erster Stelle?

CK: Ich bin erfahren genug, um zu wissen, dass Diskussionen, das Ringen um das richtige Vorgehen – notfalls auch Streit – oft sehr produktiv sein kann. Aber am Ende muss man immer gemeinsam eine Entscheidung treffen, die dann auch alle vertreten und für die alle geschlossen kämpfen. Ansonsten sind wir gelähmt, und das wäre angesichts des hohen Drucks von außen verheerend.

Loyalität ist kein Istzustand. Loyalität beweist sich immer erst in der Situation, in der es hart auf hart kommt. Insofern kann man Loyalität nicht voraussetzen. Ich sage Ihnen, was in der aktuellen Situation, angesichts des schwierigen politischen und gesellschaftlichen Umfelds, in dem wir die Zukunft der Gemeinde gestalten und sichern müssen, besonders wichtig ist: Kompetenz, Expertenwissen, politisches Geschick, kluges, abgewogenes, besonnenes Vorgehen, Unabhängigkeit, Glaubwürdigkeit, Liebe zum Judentum, Liebe zu Israel, der absolute Wille, seine Kraft und seine Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinde zu stellen, frei von Eigeninteressen. Ich brauche Menschen um mich herum, die wissen, was es bedeutet, die Geschicke einer jüdischen Gemeinde zu lenken, die unsere Religion würdigen und unsere Werte ehren, denen die Interessen der jungen Menschen genauso am Herzen liegen wie jene der alten und die um die Belange der „Neuzuwanderer“ ebenso kämpfen wie um jene der „Alteingesessenen“ – und ich möchte dazu sagen, dass diese beiden Begriffe unbedingt der Vergangenheit angehören müssen. Wir alle sind Gemeindemitglieder. Das Heute entscheidet!

Die russischsprachigen Gemeindemitglieder sind in der Gemeinde mittlerweile in der Mehrheit: Stehen sie bei Ihrem Team im Mittelpunkt des Interesses oder hat Ihr Team andere Prioritäten?

CK: Wir führen keine Statistik über solche Mehrheitsverhältnisse. Fest steht jedoch, dass die Gemeinde aufgrund der Zuwanderung vor allem in den 1990er Jahren stark gewachsen ist. Mein Ziel ist es, dass wir die Mitglieder unserer Gemeinde eben nicht mehr nach ihrer Herkunft unterscheiden. Das verbietet auch der Gleichheitssatz des Grundgesetzes, an das wir alle unabdingbar gebunden sind. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass unsere Gemeinde für alle Mitglieder Heimat ist. Dieses Ziel werde ich gemeinsam mit meinem neuen Vorstand weiter verfolgen. Aus meiner persönlichen Erfahrung weiß ich um die Bedeutung von Geborgenheit und Heimat. Und ich möchte, dass diese Gemeinde ein Hort der Geborgenheit und der Heimat für alle Mitglieder ist – egal wo unsere Wurzeln liegen, unsere Äste und unsere Blätter und Blüten sind hier und heute in München und in der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Im Mittelpunkt meiner Interessen stehen die Anliegen, Nöte und Wünsche jedes einzelnen Mitglieds, egal woher es kommt. Im Mittelpunkt meiner Interessen steht die Zukunft unserer Gemeinde im Ganzen, die Zukunft des Judentums in München – unsere Zukunft als Juden, als Einheit, als Bund, als Minderheit in dieser Stadt, die stark sein muss. Ich will uns Gehör verschaffen und den Stellenwert, den wir verdienen. Das muss unser gemeinsames Ziel sein und da ist es absolut nicht hilfreich, wenn wir uns intern aufspalten.

Viele Gemeindemitglieder befürchten aufgrund der Aufregung im Vorfeld der Wahlen, dass die IKG München ein ähnliches Schicksal wie die Berliner Gemeinde erleidet. Was halten Sie von solchen Befürchtungen: Gibt es wirklich dieses Risiko? Und wenn ja, wie können wir diese Gefahr schnell abwenden?

 CK: Ich sehe diese Gefahr nicht. Wahlen gehören zum Wesen der Demokratie. Wer gewählt werden möchte muss sich präsentieren und sein Programm darstellen. Mir ist wichtig, dass diese Wahlen und der Wahlkampf, der nun mal dazu gehört, intern stattfinden. Was die Arbeit meines Teams betrifft, kann ich sagen, dass wir uns auf interne Informationen beschränken und den Wahlkampf nicht in die Öffentlichkeit tragen. Wenn sich daran alle Kandidaten halten, sind wir weit entfernt von Berliner Verhältnissen. Die Münchner Gemeinde gilt bundesweit als vorbildlich. Wir haben mehr erreicht und sind bedeutsamer als die meisten anderen Gemeinden. Dafür haben wir hart gearbeitet und gekämpft. Es gibt niemanden, der das aufs Spiel setzen würde – und ich persönlich werde alles tun, um unseren guten Ruf und unser Renommee zu bewahren. Das ist mein Lebenswerk.

Gibt es momentan überhaupt eine Alternative zu Ihnen als Präsidentin der IKG?

CK: Es gibt immer eine Alternative – das ist Demokratie. Aber ich habe mich entschieden, meine Dienste, meine ganze Kraft, mein ganze Erfahrung, mein Wissen und meine guten Beziehungen in Politik und Gesellschaft noch einmal in den Dienst der Gemeinde – in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Denn ich spüre, dass dies entscheidende Jahre sind, in den die Weichen für die jüdische Zukunft gestellt werden. Und ich kann und will die Gemeinde jetzt nicht im Stich lassen. Ich bin Gott sein Dank gesund und fit. Ich fühle mich stark und mein Herz schlägt für unsere Gemeinde. Die Entscheidung liegt nun bei den Mitgliedern.

Bauen Sie schon eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger auf?

CK: Es gibt einige kompetente Persönlichkeiten, denen ich meine Nachfolge guten Gewissens anvertrauen würde. Aber wie es im Buch Kohelet in der Thora heißt: „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.“